Bremer Menschen


Antonia Bontscheva


Autorenstipendium

Bremer Literaturkontor


Antonia Bontscheva, Bremen


Lesung

aus ihrem noch unvollendeten Roman "Bulgarian Beauty":
Dienstag, 19. Januar, 20 Uhr
Literaturcafé Ambiente
Osterdeich 69a














369

Antonia Bontscheva - Zwischen den Kulturen

Ein Porträt der Autorin von "Bulgarian Beauty"

Wenn im Leben einer Frau etwas so Entscheidendes passiert, dass ein mehr oder weniger neues Leben die Folge sein wird, dann geht sie zum Friseur. Veränderung ist angesagt, auch optisch. Mit Kamm und Schere und notfalls auch mit Farbe.

Rückkehr in Gedanken

Zum Friseur geht auch die 26jährige Protagonistin in "Bulgarian Beauty", dem Roman von Antonia Bontscheva, für den sie gerade das Autorenstipendium des Bremer Literaturkontors bekommen hat. Der Vater ist gestorben, die Geschichte beginnt mit einer Beerdigung. Die Ich-Erzählerin, nun mit kurzen Haaren, kehrt in Gedanken in ihre Heimat zurück.

Zwischen den Welten

Ein Lebensende und ein neuer Anfang – Antonia Bontscheva nutzt die Symbolkraft und markiert damit zugleich die zwei Ebenen ihres Romans. Auf der einen Seite der Verlust des Vaters, Erinnerungen an Kindheit und Jugend in Bulgarien, an das Verhältnis zur Familie, der sie zu entrinnen suchte und deshalb die Heimat verließ. "Die junge Frau will einfach weit weg, hofft, sich damit lösen zu können von den Eltern, endlich selbständig sein."
Auf der anderen Seite: Erwachsen werden im fremden Land, eine gescheiterte Ehe, Sehnsucht nach Liebe und Bestätigung als Frau, ein Kind, das sie allein großziehen muß, die Bedrohung durch Vorurteile und Ablehnung in der noch unbekannten Welt, in der sie nun lebt. Das sind die Erfahrungen einer jungen Migrantin in Deutschland, die zwischen zwei Kulturen lebt.

Autobiografisch

Der Weg zu diesem Roman verlief genauso wenig gradlinig, wie Antonia Bontschevas bisheriges Leben. Die Geschichte ihrer Protagonistin ist autobiografisch geprägt, die Autorin reflektiert in ihrer Ich-Erzählerin den eigenen Entwicklungsprozess, das Leben als Bulgarin in Deutschland, das sie als Germanistikstudentin an der Humboldt-Universität in Ostberlin kurz vor dem Fall der Mauer beginnt.

Lust am Erzählen

Antonia Bontscheva ist beim Schreiben "angekommen" - nach vielen Jahren der Suche: Arbeit als Übersetzerin und Dozentin, Mitarbeiterin einer Zeitschrift für Bremer Migranten, Moderatorin einer multikulturellen Hörfunksendung, Journalistin bei Radio Bremen, Funkhaus Europa, und schließlich Autorin einer wöchentlichen Kolumne "Antonias Welt".
"Das war so etwas wie eine Vorstufe", erzählt sie, "eine literarische Kolumne mit Geschichten aus meiner Heimat. Da habe ich auch gemerkt, wie groß meine Lust am Erzählen ist. Die kurzen Geschichten reichten nicht mehr, ich brauchte mehr Raum, Platz auch für komplizierte Zusammenhänge".

Zurück ins echte Leben

Wenn es ihr beim Schreiben zu einsam wird - "das passiert gar nicht so selten" - dann geht sie raus, "ins echte Leben. Und wenn ich nur Strumpfhosen kaufe oder Kartoffeln. Es ist wichtig, dann wieder den Alltag zu fühlen, denn man kann in der eigenen Welt schon ganz schön verrückt werden." Ihre Kinder und die soziale Arbeit mit Migranten im paritätischen Bildungswerk holen sie zurück, "sozusagen auf den Boden der Wirklichkeit".

Kampf um Identität

Wer in zwei Kulturen aufgewachsen ist, erlebt immer wieder den tiefen Zwiespalt zwischen neuer und alter Heimat, plagt sich mit Wünschen und Sehnsüchten, muss die eigene Identität stets neu hinterfragen, um sich zu verorten. Antonia Bontscheva hasst Schwarz-Weiss-Malerei. "Ich will meine Heimat ehrlich beschreiben, zeigen, wie die Menschen dort sind. Ich will aber auch Deutschland differenziert betrachten. Hier gibt es zwar auch Vorurteile gegen Ausländer, aber ich bin sehr vielen Menschen begegnet, die anderen Kulturen offen und interessiert gegenüber stehen."

Leben in zwei Kulturen

Antonia Bontscheva geht es darum, in ihrem Roman "Frieden zu schließen mit meiner Heimat und sie ein bisschen lieben zu dürfen. Ich möchte aus Bulgarien kommen und gern hier leben, ich möchte mich unterscheiden dürfen von den Deutschen, anders sein als sie und trotzdem nicht als Fremde außen vor bleiben."
Diesen Wunsch teilt sie mit vielen Migranten, die versuchen, in der Fremde heimisch und in ihrem Anderssein verstanden zu werden. Ihr Roman erzählt also nicht nur Geschichten aus Vergangenheit und Gegenwart einer in zwei Kulturen verwurzelten Frau, sondern er wirbt auch um Verständnis und Toleranz.

(Christiane Schwalbe)


Vita

Antonia Bontscheva wurde geboren in Varna an der bulgarischen Schwarzmeerküste und besuchte dort das deutschsprachige Gymnasium. Mit dem Studium der Germanistik begann sie in Sofia, verließ 1988 ihre Heimat, studierte an der Humboldt-Universität in Berlin und machte dort ihr Diplom.
Zunächst war sie als Lehrerin im Fach "Deutsch als Fremdsprache" beschäftigt, war dann als Dolmetscherin und Übersetzerin tätig und begann schließlich als freie Journalistin zu arbeiten. Anfangs für die Fachzeitschrift "Stimme" beim Dachverband der Ausländerkulturvereine in Bremen, später für die taz und Radio Bremen, Funkhaus Europa.
Dort produzierte sie Berichte, Reportagen und Porträts zu migrantischen Themen und bekam mit 'Antonias Welt' eine regelmäßige eigene Kolumne.
Antonia Bontscheva ist verheiratet und hat zwei Kinder.