Filmtipp

"Novemberkind"

REGIE:
Christian Schwochow


Deutschland 2008
95 Minuten

DARSTELLER:
Anna Maria Mühe
Ulrich Matthes


Kinofilm Novemberkind, Filmtipps Bremen NOVEMBERKIND


"Novemberkind"

Robert, Professor für kreatives Schreiben in Konstanz, Anfang 40, kommt nach überstandenem Herzinfarkt aus der Klinik. Die Frau an seiner Seite spricht von Neuanfang, auch für die Beziehung. Aber er hat anderes vor.

Drama in der Provinz

Hunderte Kilometer entfernt in Malchow, Mecklenburg, begegnen wir Inga und ihren Großeltern, bei denen sie aufgewachsen ist. Der Vater ist unbekannt, die Mutter in der Ostsee ertrunken. Inga ist Anfang 20, Antiquarin und eigentlich ganz zufrieden mit ihrem Leben. Bis Robert darin auftaucht. Er erzählt von ihrer Mutter, die er aus einem seiner Kurse kennt. Er hat ein Gedicht von ihr mitgebracht.

Roadmovie

Ein Schock - die Großeltern, alle Dorfbewohner und sogar die beste Freundin haben Inga belogen. Inga macht sich zusammen mit Robert auf die Suche, quer durch die Republik, bis nach Konstanz. Auf der Suche nach ihrer wahren Identität wird Robert zum vertrauten Begleiter und Freund, fast sogar zum Geliebten. Doch auch er belügt sie, verschweigt, dass er einen Roman über ihre Geschichte schreiben will.

Dramatische Flucht

Ingas Mutter Anne hatte sich in einen Soldaten der Roten Armee verliebt, einen Deserteur. Ihm droht bei Entdeckung die Todesstrafe, also beschließen sie die Flucht in den Westen. Am entscheidenden Tag ist die sechs Monate alte Tochter krank. Anne läßt sie bei den Großeltern zurück, um sie später nach zu holen. Fluchthelfer ist der Vater von Inga.
Die Großeltern haben Anne jeden Kontakt zu Inga verweigert, Republikflüchtlingen waren tot, basta. Inga trifft ihren Vater wieder, aber es gibt nicht wirklich eine Versöhnung. Das Ende des Films ist überraschend und tragisch.

Deutsch-deutsche Geschichte

Christian Schwochow, selbst in der DDR aufgewachsen, hat mit seinem bereits mehrfach ausgezeichneten Spielfilmdebüt eine deutsch-deutsche Geschichte gedreht und einem Thema ein Gesicht gegeben, das bis heute tabuisiert ist: Eltern, die aus der DDR geflohen sind und ihre Kinder zurück gelassen haben. Die tragische Familiengeschichte erzählt er nicht anklagend, nicht vorwurfsvoll oder melodramatisch, sondern sensibel und ruhig, in beschaulichen Bildern, unterbrochen nur von kurzen, dramatischen Rückblicken üb er die Flucht der Mutter.

Berührend und wahrhaftig

Eigentlich ist die Geschichte vom Professor, der endlich sein Romathema gefunden zu haben glaubt, überflüssig und ziemlich konstruiert. Dennoch ist dieser Film berührend und wahrhaftig. Das ist vor allem Anna-Maria Mühe zu danken, die selbst eine deutsch-deutsche Familiengeschichte hinter sich hat. Sie spielt in einer Doppelrolle sowohl die Mutter als auch die Tochter und tut dies mit großer Natürlichkeit, Intensität und Glaubwürdigkeit. Dieses abwechselnd traurige, verletzliche und entschlossene Gesicht der um ihre wahre Identität kämpfenden Inga bleibt lange in Erinnerung.