Filmkritik


"Der Vorleser"

REGIE:
Stephen Daldry


Nach dem Bestseller von Bernhard Schlink

DARSTELLER:
Kate Winslet
Ralph Fiennes
David Kross
Lena Olin
Bruno Ganz
Hannah Herzsprung





"Der Vorleser"

Deutschland in den 50er Jahren, die Trümmer sind beseitigt, aber das Bild der Städte ist noch trostlos. In dieser Zeit begegnet der junge Michael Berg der Straßenbahnschaffnerin Hanna Schmitz. Er ist gerade mal 15 Jahre alt und verliebt sich in die kühle, spröde Frau. Als erwachsener Mann und Rechtsanwalt, der eine gescheiterte Ehe hinter sich hat, erinnert er sich.

Einen Sommer lang

Er erinnert sich an die leidenschaftliche Affäre, die zwischen den beiden ungleichen Menschen beginnt und einen Sommer lang dauert. Hanna ist mehr als doppelt so alt wie Michael, nennt ihn Jungchen, als wäre er ihr Sohn.
Er muss ihr stundenlang vorlesen, von Horaz bis Lady Chatterley. Dass sie nicht selbst lesen kann, verschweigt sie. Sie ist seine erste große Liebe, mit dieser Frau wird er erwachsen. Eine lebenslang prägende Erfahrung und eine Verletzung.

Schock im Gerichtssaal

Denn eines Tages ist Hanna verschwunden, spurlos, ohne Abschied. Jahre später trifft er sie wieder - als Jurastudent im Gerichtssaal, wo ihr mit anderen Frauen der Prozess gemacht wird. Sie war Aufseherin im KZ Auschwitz und hat Hunderte Juden in den Tod geschickt. Wie konnte er eine solche Frau lieben, ohne selbst schuldig zu werden.
Fassungslos erlebt er, wie sie ungerührt die schlimmsten Taten gesteht, ohne Reue zu zeigen. Hanna wird als Hauptschuldige zu lebenslänglicher Haft verurteilt, weil ihr die Mittäterinnen eine Rolle als Anführerin zuschieben. Sie könnte sich wehren, aber dann müsste sie ihr Analphabetentum öffentlich machen. Also gesteht sie aus lauter Scham Taten, die sie so nicht begangen hat.

Täter mit Gefühlen

Hier liefert der Film fast eine Entschuldigung für Hanna. Zumindest aber führt uns Regisseur Stephen Daldry Gefühle vor und zeigt, dass Täter auch menschliche Seiten haben und dass man ihnen den Massenmord nicht an der Nasenspitze ansieht.
Der Schock sitzt tief bei Michael und doch wird er Hanna ein Leben lang von fern begleiten und eines Tages erneut mit ihrem Schicksal konfrontiert sein - diesmal kann er sich nicht entziehen.

Brillante Literaturverfilmung

Ein brillanter Film nach der Vorlage des Bestsellers von Bernhard Schlink, der die Fragen von Schuld und Sühne neu beleuchtet, die Liebesgeschichte fesselnd und anrührend erzählt, glänzend besetzt mit Kate Winslet als Hanna, die für dieses Rolle den Oscar bekam, mit David Kross als jugendlicher und Ralph Fiennes als erwachsener Michael, mit Bruno Ganz als Juraprofessor, Hannah Herzsprung als Bergs Tochter, Alexandra Maria Lara als KZ- Überlebende und Burghart Klaußner als Richter.

(Christiane Schwalbe)