Buchtipp
Sachbuch


Buchumschlag des Sachbuchs von Hanns Hatt, Regine Dee, Buchbesprechungen und Buchtipps, Neuerscheinungen

"Das Maiglöckchen-Phänomen"

Hanns Hatt
Regine Dee


Piper Verlag
November 2008
300 Seiten
19,90 Euro

"Das Maiglöckchen-Phänomen"
Hanns Hatt, Regine Dee

Alles über das Riechen und wie es unser Leben bestimmt

Jeder kennt es: Ein Geruch kann schöne Erinnerungen wecken - an die Freundin mit dem tollen Parfum, an ein wunderbares Gänseessen oder an die erste junge Liebe, mit der man in frischer Meeresbrise am Strand entlang spazierte.

Ob wir wollen oder nicht

Umgekehrt funktioniert es ebenso: Abscheu vor Fenchel, weil man als Baby zu viel Fencheltee trinken musste oder Ekel vor einem Geruch von Fisch, der an ein verdorbenes Essen erinnert.
Riechen bestimmt unser Leben, ungewollt und mit jedem Atemzug. Die Augen können wir schließen, uns die Ohren zuhalten, aber Atmen müssen wir, ob wir wollen oder nicht.

Vergnügliche Lektüre

In höchst vergnüglicher und verständlicher Form setzen sich die Autoren mit dem Phänomen "Riechen" auseinander, dem die Forschung immer genauer auf die Spur kommt, weil "erst moderne molekular- und zellbiologische Methoden uns in jüngster Zeit erstaunliche Einblicke in seine Geheimnisse erlauben".

Liebesboten und Lustkiller

Laborversuche, Schnüffeltests, elektronische Nasen und Biosensoren dienen der Entschlüsselung des Phänomens, das uns verführen und abstoßen, Krankheiten diagnostizieren und körperliche Gefahren erkennen lassen kann.
Kaum ein Sinn ist so sehr von "Bauch" und Unterbewusstsein gesteuert wie der Geruchssinn. Der Autor, selbst Geruchsforscher, enthüllt dabei spannende Verbindungen von "Männerschweiß und Frauenglück, Liebesboten oder Lustkillern und Spermien im Blütenrausch".

Verführer Werbung

Duft ist nicht erst seit Roman und Film "Das Parfum" ein Thema, das unsere Sinne in besonderer Weise anspricht und für Mensch und Tier gleichermaßen bedeutsam ist. Marcel Prousts Geruchsassoziationen an seine Kindheit in "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" sind als "Proust-Effekt" berühmt geworden und eine ganz "normale" Frau berichtet vom Gefühl der Geborgenheit, das der Duft gebackener Pfannkuchen bei ihr auslöst und sie in traurigen Situationen tröstet. Demnächst sollen gar Duftmaschinen vertraute Gerüche in Hotellobbys pusten. Die Werbung weiß, wie sie uns fangen kann.

Vergangene Zeiten

Düfte haben keine eigenen Namen, sie riechen "nach etwas": nach Blumen, Schweiß, Kloake oder frisch gebackenem Brot, nach Veilchen, Rauch oder Frühling. Düfte werden immer emotional und subjektiv bewertet, weil sie mit Erinnerungen verbunden sind "und uns wie aus heiterem Himmel in vergangene Zeiten zurückversetzen" und Sympathien steuern können. Wir können Menschen nicht riechen, auf andere fliegen wir, ohne zu wissen, warum. Schuld ist die Nase. Ohne den zarten Duft von Maiglöckchen wäre die Menschheit übrigens längst ausgestorben ...

Schnüffeln und schmecken

Wie sehr künstliche Aroma- und Geschmacksstoffe uns Geschmack und Geruch verderben, warum Weinkenner erst schnüffeln und dann schmecken und in welche Duftwelten uns die die Wissenschaft führen könnte, davon erzählt dieses Buch leicht und launig.
Der "Ist-mir-alles-schnuppe-Antiduft gegen Schokolade, Marzipan und Gummibärchen" würde jede Diät ersetzen, wenn es ihn denn gäbe.

Qual der Wahl

Ein spannendes, gut zu lesendes Sachbuch, das wissenschaftliche Erkenntnisse präsentiert, die das Riechen einmal mehr zum Vergnügen machen können. Oder zur Qual, ganz nach Geruch. In der Straßenbahn kann man sich das nicht immer aussuchen. Sollten Sie zu wenig riechen, dann hilft ein Test im Anhang des Buches weiter.

(Christiane Schwalbe)