

C.H.Beck Verlag
August 2008
416 Seiten
24,90 Euro
Trotzdem unternimmt der Mathematiker und Sprachforscher Guy Deutscher mit seinem Buch "Du Jane, ich Goethe" den Versuch, eine Geschichte der Sprache zu entwerfen, also den Mechanismen auf die Spur zu kommen, nach denen sich Sprachen entfalten, weiterentwickeln und grammatikalisch immer weiter umstrukturieren.
Trockner Stoff? Nur für Linguisten? Weit gefehlt.
In bester angelsächsischer Tradition wird hier - der (zugegeben etwas alberne) Buchtitel lässt es schon vermuten - mit viel Humor und in höchst anschaulicher, auch für Laien gut verständlicher Weise Wissenschaft vermittelt.
Beispielsweise sind wir alle in schöner Regelmäßigkeit mit dem Gejammer der selbst ernannten Sprachpfleger konfrontiert, die für die Gegenwart einen bedauerlichen Niedergang des sprachlichen Niveaus ausmachen (das Deutsche betreffend, wird dafür wechselweise der schlechte Einfluss zu vieler Anglizismen verantwortlich gemacht oder auch der Dativ, der dem Genitiv sein Tod ist). Zugleich wird dann gern behauptet, das Sprachniveau sei "früher" bedeutend besser gewesen.
Na denn, sagt Guy Deutscher. Schauen wir doch mal, was "früher" zu diesem Thema gesagt wurde. Nachdem er quer durch die Zeiten Tucholsky, Karl Kraus, die Académie francaise oder die Brüder Grimm zitiert hat, die allesamt den Sprachverfall beklagen und die angeblich so viel besseren alten Zeiten rühmen, landet er schließlich bei Cicero, der bereits anno 46 v. Chr. darüber klagt, dass die Kunst der Rede sich im vergangenen Jahrhundert doch arg verschlechtert habe. Wie kommt es dann aber, so fragt Deutscher, dass wir alle uns in unserer Sprache nicht längst zu Grunzlauten zurück entwickelt haben?
So einfach kann die Sache also nicht sein. Wenn der Prozess des Sprachwandels als ein fortwährendes Verflachen und Abschleifen wahrgenommen wird, dann müssen, so der Autor, andererseits Kräfte am Werk sein, die die Sprache erweitern oder auf- und ausbauen. Denn schließlich war und ist die Sprache zu allen Zeiten das wichtigste, das grundlegende Mittel der Verständigung zwischen Menschen.
Deutscher findet diese Kräfte des Aufbaus, und er findet sie in Form von höchst überraschenden Gemeinsamkeiten zwischen ganz unterschiedlichen Sprachen und Sprachfamilien. So hat z.B. die überwiegende Zahl aller Sprachen kein Verb für den Begriff des Besitzens, also "haben". Wie lässt sich das erklären? Wie kommt es in der Geschichte der Menschheit zur Entwicklung ausgefeilter grammatischer Strukturen, zu Haupt- und Nebensätzen, Orts- und Zeitbeziehungen, zur sprachlichen Bewältigung abstrakter Zusammenhänge? Wie kann es sein, dass ein Wort wie das deutsche "schlecht" noch zu Luthers Zeiten das Gegenteil von dem bedeutet hat, was wir heute darunter verstehen?
Einbezogen in Guy Deutschers Darstellung sind eine Vielzahl von Sprachen weltweit. Nicht nur vom Laut- und Formenwandel in den (indo-)europäischen Sprachen ist hier die Rede. Der Autor zeigt auch, wie das Verb im Arabischen funktioniert oder warum das Türkische scheinbar rückwärts gesprochen wird.
Und schließlich versucht sich Deutscher an einer Theorie, wie die Sprache auf einer frühen, einfachen Stufe ausgesehen haben könnte, zu einer prähistorischen Zeit X, als es schon Begriffe für Dinge und Handlungen gab, aber erst rudimentäre grammatische Bezüge zwischen Worten.
Dank gebührt der guten Übersetzung aus dem Englischen durch Martin Pfeiffer, der, wie es im Vorwort erläutert wird, viele der englischen Sprachbeispiele dieses Buches in deutsche übergeführt hat. Dank auch, dass der Übersetzer sich wunderbar in den Humor des Autors eingefühlt hat, der auf allen Ebenen des deutschen Textes spürbar wird. Das macht die Lektüre nicht nur lehrreich, sondern überaus spannend und vergnüglich. Ein ausführlicher Anhang mitsamt Literaturliste und Register rundet Guy Deutschers "Geschichte der Sprache" ab.
(Gabi von Alemann)