Buchtipp
Roman


Buchumschlag des Romans von Jorge Volpi Zeit der Asche, Buchbesprechungen und Buchtipps, Neuerscheinungen

Jorge Volpi
"Zeit der Asche"


Klett-Cotta Verlag
März 2009
510 Seiten
24,90 Euro





Jorge Volpi
"Zeit der Asche"

Nichts ist so spannend wie Zeitgeschichte: Das spürt man immer dann, wenn man an ein Buch gerät, das so gekonnt mit Fakten und Fiktion spielt, dass man es nicht mehr aus der Hand legen mag. Noch spannender wird es, wenn das, was erzählt wird, mit der eigenen Lebenszeit und Welterfahrung verknüpft erscheint.

Erlebte Zeitgeschichte

Der Mexikaner Jorge Volpi (*1968) ist in diesem Genre zu Hause. Bereits in seinem ersten Roman „Das Klingsor-Pradox“ (2001) hat er erfolg- und spannungsreich facts mit fiction vermengt. Nun ist sein neuer Roman „Zeit der Asche“ bei Klett-Cotta erschienen. Der Roman handelt von den Umbrüchen und Ereignissen im Ost-West-Verhältnis des 20. Jahrhunderts. Vieles von dem, was hier erzählt wird, hat man – je nach Alter – im Laufe seines Lebens als aufmerksamer Zeitungsleser und politisch interessierter Mensch mehr oder weniger direkt mitbekommen.

Umbrüche des 20. Jahrhunderts

In der Tat: buchstäblich mit Asche fängt die Geschichte an. In einer Art Ouvertüre wird von einem Geschehen erzählt, das wie ein Menetekel wirkt für die Umbrüche in den 80er Jahren: der Reaktorunfall im ukrainischen Tschernobyl im Jahr 1986, als der Reaktorkern heißläuft und die verantwortlichen Diensthabenden mehr oder weniger fassungslos mitansehen, wie sich die glühende Katastrophe ausbrütet: Zeit der Asche. Das dauert keine halbe Seite, und wir sind mittendrin im Geschehen, das schafft Jorge Volpi mühelos, indem er Zeitzeugen und Beteiligte auftreten und handeln (oder auch nicht handeln) lässt.
Mit diesem Schlaglicht auf den GAU in der Ukraine sind wir in der Zeitleiste von Volpis Politthriller. Er führt uns anhand dreier Frauengestalten und ihrer jeweiligen (familiären) Umgebung durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts mit einem starken Akzent auf den politischen Entwicklungen in West und Ost. Mit hartem Scheinwerfer kreist Volpi seine Hauptthemen ein: der Zerfall der UdSSR, die Strategien des Internationalen Währungsfonds, das Wettrennen um die kommerzielle Auswertung der Entdeckung des menschlichen Genoms.

Drei Frauengestalten

Da ist zunächst die russische Biologin Irina, verheiratet mit Arkadi Granin, einem Dissidenten und späteren Aufsteiger in der Jelzin-Ära, und deren gemeinsame Tochter Oksana, die den Faden ihres Lebens in der Abgrenzung von allem, wofür ihre Eltern stehen, sucht.
Außerdem Jennifer, gutbürgerliche amerikanische Senatorentochter, Ökonomin beim Internationalen Währungsfonds (IWF) und dort befasst mit Dritte-Welt-Finanzprojekten. Ihr Ehemann Jack Wells arbeitet sich vom Nobody zum schwerreichen Biochemie-Unternehmer hoch, der mit der Humangenom-Entschlüsselung zu Beginn der 90er Jahre das ganz große Geld verdienen will. Jennifers Gegenpol ist ihre Schwester Allison, die als Umweltaktivistin ein sprunghaftes Hippieleben führt und sich ab und zu bei ihrer betuchten Schwester einen Scheck abholt.
Die dritte ist Éva, deren Eltern zur Zeit des Ungarnaufstands 1956 nach Amerika flohen. Die hochbegabte, psychisch labile IT-Spezialistin ist der künstlichen Intelligenz auf der Spur, arbeitet in Berlin und Amerika und muss sich immer wieder ihren persönlichen Dämonen stellen.
Und schließlich ist da noch ein "Ich" in diesem komplexen Geflecht: Juri M., ein russischer Söldner und Journalist, der auf seine Weise im Hintergrund die Fäden zieht und die Story zusammenhält.

Strippenzieher und Zaungäste

Was passiert in diesem Roman? Die Themen und Szenen reichen von der Weltwirtschaftskrise 1929 über die Machtkämpfe an Stalins Totenbett bis zum französischen Geheimdienst-Angriff auf die „Rainbow Warrior“ (erinnern Sie sich?). Vom Ausbruch einer Milzbrand-Epidemie in der russischen Biowaffen-Forschung bis zur Unterstützung des korrupten Regimes in Zaire durch den IWF. Vom Mauerfall in Berlin bis zum Wettlauf um die Millionen, die mit der Genforschung zu verdienen sind. Von den Finanztransaktionen russischer Oligarchen bis zu palästinensischen Flüchtlingslagern. Spektakulär spannend bindet Jorge Volpi die Ereignisse in West und Ost zusammen, zieht Querverbindungen zu Wirtschaft und Wissenschaft, und seine Figuren sind, ob als Strippenzieher oder Zaungäste, immer mittendrin.
Das ist brilliant und detailreich geschrieben, kenntnisreich und gut recherchiert. Was Wunder: Jorge Volpi ist längere Zeit in diplomatischen Diensten tätig gewesen und leitet jetzt einen mexikanischen Kultursender. Die politisch-kritisch-journalistische Erfahrung merkt man seinem Roman durchaus an. Und: Volpi schreibt mit viel Sarkasmus auf der einen wie auch Empathie auf der anderen Seite, und sein Buch ist keine Seite, keine Sekunde langweilig – es sei denn, man interessiert sich nicht für Zeitgeschichte.

(Gabi von Alemann)