

Roman
Eichborn Verlag Berlin
Sept. 2008
470 Seiten
19,95 Euro
geb. 1971
in Straßburg, Fkr.
türk. Schriftstellerin
"Da in Istanbul die Häuser nicht entlang der Straßen, sondern die Straßen um die Häuser herum gebaut werden, wollte man beim Bau der neuen Straße so wenig Häuser wie möglich zerstören. So blieb nur der einzige Ausweg: Die neue Straße müsste über das hügelige Gelände mit den beiden Friedhöfen führen."
So geschah es. Die Gräber wurden geräumt, die armenische Minderheit hätte für ihre Toten ohnehin keinen Platz gefunden. Es wird gebaut, was das Zeug hält.
Schließlich kauft auch ein russischer Adliger ein Grundstück für seine kranke Frau, um ein Haus darauf zu errichten, so bunt und vielfältig, wie eine Schachtel voller Bonbons. Als das Ehepaar stirbt, kümmert sich niemand mehr um den Bonbonpalast, den Erben ist egal, was damit geschieht.
Hier beginnt Elif Shafaks Geschichtenreigen: Die neuen Bewohner, zum Teil schräge Typen, sind bunt zusammengewürfelt, Menschen mit kuriosen, tragischen oder grotesken Eigenschaften. Der Bonbonpalast ist mit seinen zehn Wohnungen ein Mikrokosmos, Spiegel des Lebens in der Metropole.
Zentrum des Geschehens ist der Friseursalon von Cemal und Celal, den Zwillingen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Hier treffen sich die Bewohner, die Blaue Mätresse, Hygiene-Tijene und Su oder Tantchen Madam, hier wird geklatscht und getratscht.
Elif Shafak erzählt uns vom Schicksal und vom wechselvollen Alltag dieser merkwürdigen Hausgemeinschaft, von Eigenbrötlern und Außenseitern. Alle leiden unter einem Riesenproblem: es stinkt nach Müll.
Draußen werden ungefragt Abfallltüten abgeladen. Kaum sind sie abgeräumt, sammelt sich neuer Müll. Bis "Ich", der namenlose Professor, tief in der Vergangenheit gräbt, und Su, die jüngste Bewohnerin, bei Tantchen Madame ganz merkwürdige Dinge entdeckt. ...
Die Autorin erzählt lebhaft und detailgenau, aus schnell wechselnden Perspektiven, mischt türkische Tradition und Moderne, Aberglauben und Religion, Mystik, Traditionen und menschliche Schrullen zu einem bunten Kaleidoskop - sprachlich reich und vielfältig.
Manchmal allerdings verplaudert sich die Autorin, verliert sich in epischer Breite und verwirrt den Leser, wenn sie Episoden beginnt, die sich mal hier, mal da fortsetzen und miteinander verzahnen, um dann doch nirgendwo zu enden.
(Christiane Schwalbe)