

Kiepenheuer & Witsch
Kiwi 2009
Roman, 300 Seiten
19,95 Euro
Audiobook
Luebbe Verlagsgruppe
19.99 Euro
Buchtipp von
Gabi von Alemann
dt. Schriftsteller
* 3. Nov. 1925 in Neuss
lebt in Köln
1054
Wie soll man einem Menschen in einer derartigen Ausnahmesituation helfen? Pfarrer Henrichsen fühlt sich schnell überfordert; erst recht, als der Verdacht aufkommt, es könnte auch Mord gewesen sein. Wieso steht der Familienvater trocken und unbeteiligt neben dem gesunkenen Auto?
Wellershoffs Roman fängt an wie ein Krimi und ist doch alles andere als das. Der junge Pfarrer zweifelt an seiner beruflichen Aufgabe und Eignung; seine Freundin hatte ihn vor einiger Zeit verlassen, er weiß nicht wirklich, warum die Beziehung gescheitert ist. Hinzu kommen existenzielle Zweifel an Gebet und Gottesdienst: was bedeutet Religion? Wellershoff porträtiert einen Mann, der seiner selbst nicht wirklich sicher ist.
Die Gemeindemitglieder sind mit seinem Vorgehen im Falle Karbe nicht einverstanden. Es gibt vermehrt Kirchenaustritte; die Vorgesetzten legen ihm Erholungsurlaub nahe, was einer zeitweisen Suspendierung gleichkommt. Und zur gleichen Zeit erhält er hoch emotionale, persönliche Briefe einer Frau, mit der ihn nichts verbindet als ein kurzer Blickkontakt.
Wie findet ein jemand in einer solchen Lage den Faden wieder, wie funktioniert Kontakt zu den Mitmenschen? Der 84jährige Wellershoff ist ein Großmeister des altmodischen Erzählens. Er konzentriert sich ganz auf seine Hauptfigur Henrichsen, zeichnet ein feines und leises Bild von dieser Figur, im klugen Kontrast zum spektakulären Kriminalfall. Ein Buch für Leser, die zwischen den Zeilen das Leben finden, das Leben, in dem sich Probleme manchmal lösen lassen, und manchmal auch nicht.
(Gabi von Alemann)