Buchtipps
Literatur


Friedenspreis
des deutschen Buchhandels 2009


Buchcover Claudio Magris - Verstehen Sie mich bitte recht

Claudio Magris
"Verstehen Sie mich bitte recht"

Auf 58 Seiten erzählt der Autor die Geschichte von Orpheus und Eurydike neu. Eine moderne Variante des antiken Mythos, poetisch und liebevoll erzählt als fesselnder Monolog einer alten Frau.


Buchcover Claudio Magris - Donau

Claudio Magris
"Donau"


Buchtital Claudio Magris - Triest

Claudio Magris
"Triest"


Buchtipp von
Christiane Schwalbe:

Buchcover CLAUDIO MAGRIS - Ein Nilpferd in Lund,  Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2009, Buchtipps von Christiane Schwalbe

Claudio Magris
"Ein Nilpferd in Lund"

zum Buchtipp....>


814

Friedenspreis des deutschen Buchhandels 2009

Am 18. Oktober 2009 ist dem italienischen Literaturwissenschaftler, Essayisten und Romancier Claudio Magris in der Frankfurter Paulskirche der Friedenspreis verliehen worden. In der Begründung des Stiftungsrats heißt es u.a., Magris habe sich "wie kaum ein anderer mit dem Problem des Zusammenlebens und Zusammenwirkens verschiedener Kulturen beschäftigt."


Claudio Magris – ein überzeugter Europäer

Porträt des Schriftstellers

Claudio Magris, Gelehrter, Schriftsteller, Philosoph, passionierter Reisender und vielfach preisgekrönter Essayist, kennt Europa wie kaum ein anderer. Aber auf die Frage, was Europa für ihn bedeute, sagt er: "Wenn man mich nicht danach fragt, weiß ich, was es ist. Wenn man mich danach fragt, weiß ich es nicht mehr."

Europa früher und heute

Es ist gleichermaßen das alte, das gegenwärtige und das zukünftige Europa, das Magris umtreibt, das Europa der Literatur, der politischer Ränkespiele, der verfeindeten und befreundeter Völker und der Menschen, die hier leben. Nur Europa, sagt Magris,
"... kann verhindern, dass die Grossen die Kleinen verschlingen ... Ich träume von einem europäischen Bundesstaat, der alle seine Minderheiten und Kulturen wirksam schützen kann und wo ich immer noch Italiener bleibe".

Im Mittelpunkt Triest

Claudio Magris lebt in Triest, einem Brennpunkt europäischer Kultur. Hier sind sich über Jahrzehnte hinweg verschiedene Völker begegnet, friedlich oder kriegerisch. Hier hat er den Eisernen Vorhang erlebt, in einer Familie, in der sich österreichische, griechische, italienische und kroatische Einflüsse mischten, später kamen mit seiner verstorbenen Frau Marisa slawische Wurzeln hinzu. Er weiß um die Grenzen, die Menschen ziehen:
"In Triest bin ich geboren ... in meiner Kindheit war es nicht nur eine Grenzstadt, sondern schien selbst eine Grenze zu sein, bestehend aus vielen Grenzen, die sich ... in den Charakteren und der Lebensweise seiner Einwohner kreuzten".

Entlang der Donau

Der leidenschaftliche Liebhaber alles Fließenden hat von Triest aus, wo er am Meer lebt, Mitteleuropa erkundet, indem er einem mächtigen Fluss folgte. Auf der Suche nach den Menschen und ihren Geschichten, die er in seinem monumentalen Reisebericht "Die Donau – Biografie eines Flusses" schildert, führt uns der überzeugte Europäer, der Kosmopolit und Archäologe europäischen Lebens, quer durch die Kulturen und Landschaften an den Ufern dieses Flusses.
In literarischen Miniaturen notiert er Mythen und Anekdoten. Historisch, ironisch, poetisch und philosophisch zeichnet er die großen Zusammenhänge einer Vielvölkerwelt nach, die von Deutschland und Österreich über die Slowakei, Ungarn, Serbien und Bulgarien bis nach Rumänien reicht - von der Donauquelle bis zur Mündung im Schwarzen Meer. Aber wo entspringt dieser Fluss wirklich? Auf dem Grundstück eines gewissen Doktor Öhrlein? Oder gar einem tropfenden Wasserhahn? Die Sachlage ist kompliziert, erläutert der Chronist,
"... die jahrhundertelang diskutierte Frage nach dem Ursprung der Donau ist bisher ungeklärt und überdies verantwortlich für heftige Auseinandersetzungen zwischen den Städten Furtwangen und Donaueschingen."

Literatur im Umzug

In Triest trifft man Claudio Magris im Café San Marco: "an jenem Tisch, an dem man sich auf das Examen in deutscher Literatur vorbereitet hat und an dem man jetzt, viele Jahre später, weder sitzt, um zu schreiben oder das 'zigtausendste Interview über Triest zu geben ..." Hier beginnt nach dem Reisen der wiederholte Prozess einer "Literatur als Umzug". Einem seiner Buchtitel folgend wird "Die Welt en gros und en detail" ein weiteres Mal festgehalten - für ein neues Buch, einen neuen Mikrokosmos. Es gilt,
"die mit Aufzeichnungen überfüllten Karteikarten auf der planen Fläche des Papiers zu befestigen und die vollen Briefumschläge, Hefte, Prospekte und Kataloge auf Schreibmaschinenblätter zu übertragen ... wie bei jedem Umzug geht etwas verloren, und etwas anderes, das verlegt und vergessen worden war, findet sich wieder".

Liebe zum Detail

Claudio Magris wird nicht müde, Europa als politische Zukunft zu preisen und seine Politiker an ihre Verantwortung zu erinnern – ehemals als parteiloser Senator in Rom, als Mitglied der Vereinigung "Giustizia e Libertá", die sich vehement gegen Berlusconis Medien- und Justizpolitik wehrt, als Kolumnist der linksliberalen Zeitung "Corriere de la Sera". Vor allem aber als Schreibender, der es dem Leser mit seiner kompakten Erzählstruktur nicht leicht macht. Er fordert seine uneingeschränkte Aufmerksamkeit, wenn er sich - getrieben von Entdeckerlust und Liebe zum Detail – auf Seitenwege begibt, um Vergängliches und Vergangenes zu entdecken:
"Schreiben bedeutet unter anderem auch, am Ufer entlanggehen, stromaufwärts fahren, schiffbrüchige Existenzen auffischen und Strandgut wieder auffinden, das sich an den Ufern verfangen hat, um es zeitweilig auf einer Arche Noah aus Papier unterzubringen."

(Christiane Schwalbe)