

Droemer/Knaur
2009
19,95 Euro
597
Weil sie einen Knochenmarkspender für für ihren kranken kleinen Sohn sucht, meldet Misha Gibson ihren 20 Jahre zuvor verschwundenen Vater Mick bei der Polizei als vermisst. Er soll während der Bergarbeiterstreiks 1984 als Streikbrecher abgehauen sein – diese Schande hat die Familie nie wirklich verwunden, aber nun braucht Misha ihren Vater dringend für das Überleben des kleinen Luke.
Wo aber ist dieser Mick Prentice abgeblieben? Detective Inspector Karen Pirie aus Glenrothes und ihr Assistent Phil, zuständig für die Wiederaufnahme von Altfällen, ermitteln. Und siehe da: Seine ehemaligen Kumpels behaupten, ein Streikbrecher sei der zuverlässige Mick nie und nimmer gewesen.
Damals, um dieselbe Zeit herum, war ebenfalls spurlos der erst wenige Monate alte Adam verschwunden, Enkel des schwerreichen schottischen Großunternehmers Sir Broderick Grant. Das Baby wurde seinerzeit zusammen mit seiner Mutter Catriona entführt, die später bei der Übergabe des Lösegelds starb – Baby Adam aber tauchte nie wieder auf.
Während sich Detective Inspector Pirie in Schottland in den Bergarbeiterfamilien nach Mick Prentice erkundigt, stolpert eine ehrgeizige Journalistin in Italien in einen Kriminalfall hinein. Die in der Toskana urlaubende Bel Richmond entdeckt beim Joggen eine verlassene Dorfvilla, und sogleich siegt die berufliche Neugier: Bel durchstöbert das alte Haus und stößt auf eine große, verkrustete Blutlache und ein verdächtiges Poster. Und dann geraten die Dinge ins Rollen – in Schottland wie auch in Italien.
McDermid hat sich angenehm taffe und kompetente Frauenfiguren einfallen lassen, die diesen schön komplexen Was-ist-damals-geschehen-Krimi dominieren. Detective Inspector Pirie muss sich gegen den machtbesessenen Sir Broderick ebenso durchsetzen wie gegen ihren autoritätshörigen Vorgesetzten. Bel, die Enthüllungsjournalistin, geht hohe Risiken ein. Die Archäologin Dr River Wilde, eine Wissenschaftlerin aus Karen Piries Netzwerk, liefert entscheidende Ideen und Beweise – mehr wird hier selbstverständlich nicht verraten.
Die Streiks der schottischen Kumpel und die Lage ihrer Familien in den frühen 80er Jahren, tatsächlich genau das Milieu, dem die Autorin selbst entstammt, liefern das besondere Lokalkolorit dieses Buches. Ganz anders als in ihren Tony Hill & Carol Jordan-Krimis (die es auch als TV-Serie gibt) verzichtet McDermid in Nacht unter Tag weitgehend auf blutige Gewaltszenen. Damit empfiehlt sich dieser clever gemachte Roman vor allem den LeserInnen, für die ein Krimi zuallererst durch Atmosphäre und Zeitgeschichte spannend wird.
(Gabi von Alemann)